Erinnerung an einen Besuch der Gedenkstätte Treblinka

Gedenkstätte Treblinka: Nie wieder! Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Freitag, der dritte August 2012. Mein Mann und ich besuchen meine Eltern, die in der Nähe von Warschau ein Ferienhaus haben. Es ist heiß, die Temperatur übersteigt 30 Grad. Wir beschließen, am Sonntag einen Abstecher nach Brok zu machen, eine Stadt, am Fluss Bug gelegen. Auf der Fahrt durch Masowien, so heißt diese Gegend, sehen wir Landschaften wie aus dem Bilderbuch: Wälder, wohin das Auge reicht, sandige Hänge, Wiesen, auf denen schwarz-weiß gescheckte Kühe und Rehe grasen, dazwischen Kraniche und Störche. Störche auf und über den Wiesen. In den Dörfern bewohnte Storchennester mit regem Familienleben. Ein schönes und ruhiges Fleckchen Erde, dünn besiedelt.

Von Urszula Usakowska-Wolff

In einer knappen Stunde erreichen wir unser Ziel: das Städtchen Brok am rechten Bug-Ufer. Der Fluss so breit wie ein See, Sandinseln, hinter der Brücke ein Ferienpark mit alten Windmühlen. Glückliche Menschen am Strand genießen die Sommerfrische. Eigentlich sollte hier unser Ausflug enden, doch ich biege falsch ab, fahre weiter, sehe ein Schild: »Treblinka – 20 km.« Unterwegs kaum Verkehr. Endlose Wälder. Plötzlich wird die Straße eng, das Auto wackelt und macht klack-klack beim Überfahren der Betonplatten. »Diese Straße muss wohl aus Hitlers Zeit sein«, sagt mein Mann. Später erfahren wir, dass sie tatsächlich 1941 gebaut wurde und als ein Teil der Gedenkstätte Treblinka unter Denkmalschutz steht.

Langsam nähern wir uns dem Ort, wo, nach Auschwitz, das zweitgrößte Vernichtungslager war: Hitlers Todesfabrik, gut versteckt mitten im Walde.

Auf der linken Straßenseite – Treblinka, ein 300-Seelen-Dorf, in dem sich früher eine Bahnstation befand. Vier Kilometer weiter rechts die Einfahrt in das 1964 vom Architekten Adam Haupt und den Bildhauern Franciszek Duszenko und Franciszek Strynkiewicz errichtete Museum zum Gedenken an Kampf und Martyrium Treblinka. Pflastersteine. Ein großer Parkplatz, zwei Reisebusse, ein Kiosk mit Büchern und Postkarten. Etwas abseits das Gebäude der Museumsverwaltung mit einer Ausstellung über die Geschichte des Vernichtungslagers. Fotos der Mörder. Einige wenige Gegenstände, die den Ermordeten gehörten: Löffel, Münzen, eine Thorarolle. Fragmente jüdischer Grabsteine, die für den Straßenbau benutzt wurden.

Wir überqueren den Parkplatz und gehen auf einem gepflasterten Weg zu der Stelle, wo das Tor zur Hölle war. Auf drei Betonblöcken ist auf Polnisch, Deutsch und Englisch gemeißelt: »Hier bestand von Juli 1942 bis August 1943 ein Nazivernichtungslager, in dem über 800.000 Juden umgebracht worden sind. Am 2. August 1943 erhoben sich die Häftlinge zum Aufstand, der von den Nazihenkern blutig niedergeschlagen wurde. Zwei Kilometer von hier entfernt errichteten die Nazis 1941 ein Strafarbeitslager, in dem bis 1944 annähernd 10.000 Polen ermordet wurden.«

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Mit einer Gruppe Jugendlicher aus Spanien, ein Mädchen hat sich eine israelische Fahne um den Rücken gelegt, gehen wir durch ein symbolisches Eingangstor auf einem Pflasterweg zur Rampe. Auf der rechten Seite liegt ein Bahngleis aus Beton. Auch das führt zur Rampe, wo der letzte Weg, der schwarze Weg, der Weg in den Himmel begann. Unmittelbar nach dem Eintreffen der Züge wurden gesunde Erwachsene und Kinder von SS-Männern und ihren ukrainischen Helfern in die Gaskammern getrieben. Die Kranken, Alten und Behinderten wurden im »Lazarett« erschossen. Im November 1943 beseitigten die Mörder alle Spuren ihrer Verbrechen. Sie pflügten das 22 Hektar große Lagergelände und pflanzten auf dem Boden, in dem Asche und Gebeine von fast einer Million Menschen liegen, gelbe Lupinen.

Neben dem »Schlauch«, wie der Weg in den Tod von den Mördern genannt wurde, Steine mit Namen der Länder, aus denen die Ermordeten stammen: je ein Stein für Polen, die Tschechoslowakei, Frankreich, Jugoslawien, die UdSSR, Belgien, Bulgarien, Deutschland, Österreich, Griechenland und Makedonien. Und dann betreten wir eine riesige, von alten Bäumen umsäumte Lichtung mit 17.000 Steinen unterschiedlicher Größe: namenlose Steine, Steine mit Namen der polnischen Städte und Schtetl, ein Stein für »Janusz Korczak (Henryk Goldszmit) und die Kinder.« Inmitten dieses symbolischen Friedhofs der ermordeten jüdischen Gemeinden erhebt sich ein Monument aus Granitblöcken. Vor ihm stehen zwei Steine mit der Aufschrift »Nie wieder«. Auf Polnisch, Hebräisch, Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch.

Obwohl der Tag, an dem wir die Gedenkstätte Treblinka besichtigen, windstill ist, zittern die Blätter der alten Espen, Zeugen der Vernichtung. Sie flüstern die Namen der namenlos Ermordeten. Jeden einzelnen Namen.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 20, September 2012


Öffnungszeiten der  Gedenkstätte Treblinka:
täglich von 9-18.30 Uhr
Ostern und Weihnachten geschlossen

Samuel Willenberg,Treblinka. Lager. Revolte. Flucht. Warschauer Aufstand. Unrast-Verlag MünsterBuchtipp: 

Samuel Willenberg

Treblinka. Lager. Revolte. Flucht. Warschauer Aufstand

Unrast Verlag Münster

Preis 22 €.

Autor: Urszula Usakowska-Wolff

Ich schreibe verschiedene Sachen in mindestens zwei Sprachen. / Piszę różne słowa w conajmniej dwóch mowach.

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