Lyrischer Tod

Krankenhaus Bulovka in Prag. Quelle: Wikimedia Commons

Urszula Usakowska-Wolff

Lyrischer Tod

am dritten februar starb Hrabal
im hospital meldete das fernsehen
er fütterte tauben
er trug einen dicken pullover
so einen mit norwegischem muster

im fünften stock des hospitals
nach einer orthopädischen operation
stürzte er aus dem fenster

er litt immer an tiefer melancholie
er saß vor seinem häuschen
er saß in der kneipe trank bier selbstverständlich
mochte er wenn menschen nach dem bier redeten
ohne punkt und komma halt so wie nach dem bier

er mochte seine frau sie ging zu schnell davon
unbehauste katzen waren sein zuhause

am dritten februar starb Hrabal
im fünften stock des hospitals
gibt es keine katzen selbstverständlich
fütterte er tauben mit der letzten ungeschriebenen
liebe zur kreatur

ein alter schriftsteller fällt leider nicht
automatisch auf vier pfoten
die katzen müssen sich jetzt allein durchfüttern

Hrabal zwinkert ihnen aus dem katzenhimmel zu
(katzen haben vermutlich sieben leben)

ein faden gesponnen auf einer anderen ebene

februar 1997

Text © Urszula Usakowska-Wolff. All rights reserved.
 Foto: Wikimedia Commons 

 

Autor: Urszula Usakowska-Wolff

Ich schreibe verschiedene Sachen in mindestens zwei Sprachen. / Piszę różne słowa w conajmniej dwóch mowach.

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