Wisława Szymborska: Der Sturm vor der Ruhe

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Am 1. Februar 2012 starb die polnische Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska, eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr großer Fan Woody Allan meinte: 

» Sie war das, was ich einen ernsten und scharfsinnigen Künstler nenne, der zugleich seine Aufgabe nie vergisst: den Leser zu unterhalten. «

Von Urszula Usakowska-Wolff 

Wisława Szymborska, »altmodisch wie ein Komma« und Kettenraucherin, schrieb nachts im Liegen und veröffentlichte in 60 Jahren knappe 350 Gedichte, weil sie immer einen Papierkorb zur Hand hatte, ferner vier Bände mit »Lektury nadobowiązkowe« (Außerplanmäßige Lektüren), in denen sie Bücher rezensierte, die andere nicht für lesens-, geschweige denn erwähnungswürdig hielten: statistische Jahrbücher, Kräuterlexika und Heimwerkerratgeber, Sachbücher über Fossilien, Mineralien, Steine und Sedimente, Einzeller, Insekten, Fische, Kriech- und Säugetiere, Bäume, Aquarien, Terrarien usw. Den Vorwurf, dass sie sich Randgebieten widmet, obwohl ihre Aufmerksamkeit der Belletristik gelten sollte, quittierte sie:

» Solche Bücher enden weder gut noch schlecht, und das ist, was mir am meisten gefällt. «

Auf Reisen schrieb sie Limericks und gereimte Scherzgedichte; sie begeisterte sich für Boxkämpfe, vor allem, wenn Andrzej Gołota in den Ring stieg. Sie las »Jaspers und Frauenzeitschriften«, verehrte die Schriftsteller Michel de Montaigne, Charles Dickens und Thomas Mann. Sie sammelte alte Postkarten und Magazine, aus denen sie witzige Collagen bastelte, sie liebte Nippes, zu denen eine überlebensgroße abgeschnittene Hand aus Marzipan und ein Nachttopf mit einem Spiegel gehörten: lauter skurrile und unnütze Dinge, die »ihre« Menschen überlebten. Sie hatte »ein Herz fürs Detail und den flüchtigen Augenblick«, sah das Große im Kleinen und das Kleine im Großen, beobachtete und befragte das Leben staunend wie ein Kind: »Warum bin ich hier und jetzt, und nicht früher oder später ganz woanders? Warum bin ich ein Mensch, wo ich genauso gut ein Tier, eine Pflanze oder ein Stein auf dieser kleinen Erde sein könnte?« Und sie versuchte darauf, wie etwa in dem Gedicht »Im Überfluss«, zu antworten:

» Ich bin, wer ich bin.
Unbegreiflicher Zufall
wie jeder Zufall. «

Die am 2. Juli 1923 in Kórnik bei Posen geborene Maria Wisława Anna war die zweite Tochter von Anna Rottermund (1890-1960) und Wincenty Szymborski. (1870-1936). 1929 zog ihre Familie nach Krakau, wo die zukünftige Dichterin fast ihr ganzes Leben verbrachte. Seit 1935 besuchte sie das private Mädchengymnasium der Ursulinerinnen in der Krakauer Innenstadt. Während des Zweiten Weltkrieges nahm sie am Geheimunterricht ihres Gymnasiums teil und machte dort im Frühjahr 1941 ihr Abitur. Nach dem Ende des Krieges studierte sie an der Jagellonen-Universität Polonistik und Soziologie, brach jedoch ihr Studium nach drei Jahren ab. Von 1948 bis 1954 war sie mit dem Journalisten Adam Włodek verheiratet, dem sie nach der Scheidung bis zu seinem Tod 1986 freundschaftlich verbunden blieb. Seit 1967 war ihr Lebensgefährte der Schriftsteller Kornel Filipowicz, der 1990 starb. Anfang der 1950er Jahre trat die Lyrikerin der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei bei, schrieb durchschnittliche, aber fortschrittliche Gedichte, in denen sie den Sozialismus und seine Ideologen und Führer Lenin und Stalin lobte, während sie die Imperialisten verdammte. 1966 trat sie aus der Partei aus und hat sich seitdem von keiner Ideologie verführen, blenden oder irreführen lassen. Zu ihrer Parteivergangenheit äußerte sie sich öffentlich erst 1991, und zwar in Frankfurt am Main, als ihr der Goethepreis verliehen wurde:

» Ich erfüllte meine gereimte Aufgabe mit der Überzeugung, dass ich richtig handle. Das war die schlimmste Erfahrung in meinem Leben. «

Spätestens seit 1957, als ihr dritter Lyrikband »Rufe an Yeti« erschien, gehörte Wisława Szymborska zu den bekanntesten und meist gelesenen Lyrikerinnen in Polen. Anfang der 1970er Jahre machte sie ihr Übersetzer Karl Dedecius auch in Deutschland bekannt. In den 1980ern und 1990ern erfreut sie sich einer immer größeren Beliebtheit in Schweden, den USA, Italien und Japan. Die in Krakau zurückgezogen lebende und bescheidene Frau, von ihren Freunden »Wisia« oder »Wisełka« (Weichselchen) genannt, schrieb nämlich Gedichte über das Leben, also den »Sturm vor der Ruhe«, über die Erinnerung, in der nur Bruchstücke des Erlebten und Gesehenen bleiben, über die Schönheit und Flüchtigkeit des Augenblicks: Kleine philosophische Traktate und Dramen, von einer verblüffenden Einfachheit und Komplexität, in denen sie sich mit ihren Lesern unterhält, und auf ihre unaufdringliche und distanzierte, doch zugleich sehr nahe Weise Trost spendet. Obwohl sie sehr ernste, ja existentielle Probleme aufgreift, tut sie das scheinbar beiläufig, mit Witz, sanfter Ironie und Selbstironie und überraschenden Pointen:

» Wenn ich schreibe, habe ich immer das Gefühl, jemand steht hinter mir und schneidet Grimassen. Deshalb hüte ich mich, so gut ich kann, vor großen Worten. «

Weil die Lyrikerin öffentliche Auftritte und lange Reden mied, fiel ihr Vortrag, den sie als Literaturpreisträgerin verpflichtet zu halten war, mit vier Schreibmaschinenseiten denkbar knapp aus. Wisława Szymborska, die erste Frau im Kreis der vier polnischen und die neunte unter den damaligen 97 Literaturnobelpreisträgern hielt am 10. Dezember 1996 vor der Königlichen Schwedischen Akademie in Stockholm ihre Rede »Der Dichter und die Welt«, die sie mit folgenden Worten beendete:

» In der Sprache der Dichtung, wo jedes Wort ins Gewicht fällt, ist jedoch nichts einfach und normal. Kein Stein und keine Wolke über ihm. Kein Tag und keine ihm folgende Nacht. Und vor allem kein Sein von wem auch immer auf dieser Welt. Es sieht so aus, dass die Dichter stets viel zu tun haben werden. «


Text © 2017 by Urszula Usakowska-Wolff. All rights reserved
Foto: Wislawa Szymborska by Jerzy Turczyk, 2010, Wikipedia CC-BY-2.0

Autor: Urszula Usakowska-Wolff

Ich schreibe verschiedene Sachen in mindestens zwei Sprachen. / Piszę różne słowa w conajmniej dwóch mowach.

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