Vor 35 Jahren erklärte General Jaruzelski Polen den Krieg – und viele Menschen zeigten ihr wahres Gesicht


Der 12. Dezember 1981 war ein Samstag. Obwohl ich einen freien Tag hatte, fuhr ich zum Polnischen Rundfunk im Stadtteil Mokotów, wo ich seit vier Jahren als Kulturredakteurin in der Deutschen Redaktion arbeitete. Der Bus kroch durch die vereisten und von zusammengeschobenen Schneemassen gesäumten, fast menschenleeren Warschauer Straßen.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Weil nur die Nachrichten live übertragen wurden, hielten sich einige wenige Leute im Rundfunkgebäude auf. Zu ihnen gehörte Edmund, der im vierten Stock arbeitete, die Nachrichten aus dem Ticker empfing und sortierte. Er trat am Samstagmorgen einen 24-Stunden-Dienst an und lief ganz gemütlich in Hausschuhen herum. Er war sehr groß und sehr dünn, trug eine altmodische Hornbrille und einen grauen Pullover, der ihm fast bis zu den Knien reichte: Ein netter und etwas glückloser junger Mann, dem ich durch gemeinsame Aktivitäten in der Gewerkschaft Solidarność näher gekommen bin.

Letzter Tee in der Kantine

An jenem Samstagvormittag war ich ganz allein in meiner Redaktion und konnte ungestört arbeiten. Am Freitag hatte ich eine Diskussion mit einem Philosophiedozenten und einer jungen Warschauer Germanistin über die seit vier Wochen andauernden Streiks an den polnischen Hochschulen aufgenommen. Ich ging in den Cut-Raum, überspielte und kürzte das halbstündige Gespräch, in dem die beiden Streiks generell ablehnten, weil sie verboten waren und die Volksmacht unnötig herausforderten, auf zehn Minuten. Es sollte am Montagabend im einstündigen Magazin »Leute von heute« gesendet werden. Bevor ich nach Hause fuhr, trank ich mit Edmund einen Tee in der schlichten Radiokantine, die wir, in Anspielung auf das damals vornehmste Hotel in Warschau, ironisch »Victoria« nannten. Am 12. Dezember 1981 deutete im Polnischen Rundfunk nichts darauf hin, dass dem Land und somit auch uns etwas Außergewöhnliches bevorsteht.

Polnischer Rundfunk Warschau, 2007. Foto: Daniel Koć, Wikipedia, GFDL
Polnischer Rundfunk Warschau, 2007. Foto: Daniel Koć, Wikipedia, GFDL

Edmund und die 40 Rambos

Es war die Ruhe vor dem Sturm. Am späten Samstagabend zeigte das Polnische Fernsehen den 1971 gedrehten Film »Der Aufstand des Giulio Manieri« von Paolo und Vittorio Taviani: die Geschichte eines gescheiterten Revolutionärs. Kurz vor Mitternacht brach die Übertragung plötzlich ab, ohne dass eine Erklärung folgte. Etwa zur selben Zeit landeten Elitesoldaten der Volksarmee auf dem Dach des Polnischen Rundfunks und drangen, mit Maschinenpistolen bewaffnet, in das Gebäude ein. Sie waren verblüfft, denn sie stießen auf keinen Widerstand. In der Nacht von Samstag auf Sonntag befanden sich dort knapp 30 Leute: Wachmänner, Nachrichtensprecher und Techniker, denen 40 schwarz maskierte Rambos gegenüberstanden. Als erstes stürmten sie das Büro, in dem Edmund auf einem Campingbett schlief. Ohne dass er ein Wort sagen und nach seinem Mantel greifen konnte, nahmen sie ihn in seinen Hausschuhen fest. In dieser Montur wurde er mit anderen »Volksfeinden« in das Gefängnis Białołęka bei Warschau transportiert, wo er über ein Jahr ohne Haftbefehl saß.

Chopin als Sound des Krieges

Das erfuhr ich aber erst später. Am 13. Dezember 1981 stand ich kurz vor neun auf, denn ich wollte das beliebte Satiremagazin »60 Minuten in einer Stunde« im dritten Radioprogramm hören. Stattdessen erklang Musik von Chopin sowie Militärmärsche: ein Zeichen, dass etwas Ernstes geschehen war. Im Fernsehen konnte ich mehr erfahren: Dort verkündete General Jaruzelski jede volle Stunde die Verhängung des Kriegsrechts in Polen. In den Pausen verlasen uniformierte Nachrichtensprecher mit steinerner Miene die Meldungen des Tages: Tausende Menschen wurden inhaftiert, Bürgerrechte abgeschafft, Telefone abgeschaltet, Panzer und Soldaten auf die Straßen geschickt.

Kriegsrecht in Polen. Foto: Wikimedia Commons/public domain
Kriegsrecht in Polen. Foto: Wikimedia Commons/public domain

Vom Dienst suspendiert 

Am Montag, den 14. Dezember, fuhr ich zum Polnischen Rundfunk. Am Eingang standen zwei Männer, die sich als Mitarbeiter der Staatssicherheit zu erkennen gaben, vor ihnen eine Schlange derer, die zur Arbeit erschienen waren. Ich gehörte zu einer Gruppe von über 300 Beschäftigten des Polnischen Rundfunks und Fernsehens in Warschau, die für eine unbestimmte Zeit vom »Dienst in einer militarisierten Einheit« suspendiert wurden. Darunter befanden sich nicht nur Journalistinnen und Journalisten, sondern auch Putzfrauen, Sekretärinnen und Fahrer: Feinde der Volksmacht aus allen Volksschichten.

Solidarität und Opportunität

Nach dem ersten Schock wollten wir nicht untätig bleiben, sammelten Informationen über die Gefängnisse und Internierungslager, in denen unsere Kolleginnen und Kollegen festgehalten wurden. Wir stellten auch eine Liste der Suspendierten zusammen, die wir mit Lebensmittelpaketen von der ARD und dem ZDF versorgten. Es war eine schwere und unsichere Zeit, aber auch eine, in der Solidarität praktiziert wurde. Und, wie häufig in solchen Situationen, schlug die Stunde der Karrieristen und Opportunisten. Viele Menschen zeigten damals ihr wahres Gesicht. Mein Redaktionschef, der sich immer als Parteiloser brüstete und anständig zu sein schien, war Leiter der »Verifizierungskommission«. Er legte mir nahe, eine Loyalitätserklärung zu unterschreiben, damit ich von nun an als Befürworterin des Kriegsrechts und Gegnerin der Solidarność zur Arbeit im Polnischen Rundfunk zurückkehren durfte. Das konnte und wollte ich nicht tun. Also wurde ich am 10. Mai 1982 entlassen. Ich war 28 Jahre alt.

Begabte sind immer gefragt

Mein Beitrag über die Studentenstreiks wurde nie gesendet. Meine Stelle in der Deutschen Redaktion des Polnischen Rundfunks bekam meine damalige Gesprächspartnerin. Im freien Polen stellte sich die vielseitig begabte Germanistin und Journalistin wie immer auf die richtige Seite und wurde reichlich belohnt: Sie arbeitet seit langer Zeit in einer der wichtigsten europäischen Institutionen, zuletzt als leitende Beamtin. Weil mit dem historischen Materialismus kein Blumentopf mehr zu gewinnen war, schaute sich der wendige Philosophiedozent nach einem neuen Job um – und fand prompt eine angemessene Stelle. Seit über 20 Jahren ist er Verwaltungsdirektor einer großen europäischen Universität und macht nebenbei als schreibender Soziologe hier und da von sich reden.

Edmund traf ich im Sommer 1983 auf dem Schlossplatz in Warschau. Er wirkte verunsichert und sagte, dass er beschattet wird. Seitdem bin ich ihm nie wieder begegnet und habe nichts mehr von ihm gehört.

Text © Urszula Usakowska-Wolff, 2016. All rights reserved.
Fotos:
Wikimedia Commons/public domain & Daniel Koć, Wikipedia GFDL

Kriegsrecht in Polen – Wikipedia >>

Autor: Urszula Usakowska-Wolff

Ich schreibe verschiedene Sachen in mindestens zwei Sprachen. / Piszę różne słowa w conajmniej dwóch mowach.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.